Vergib‘ mir Vater, denn ich habe gesündigt… (Gottes Werk und Teufels Beitrag)

Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich lege meine Beichte ab.
Was sich da für Abgründe auf tun, erfahrt Ihr in meiner Buchkritik zu „Gottes Werk und Teufels Beitrag“!

Roman-Kritik:

Land & Jahr: USA, 1985
Autor: John Irving
Länge: 848 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag
Publisher: William MorrowHarperCollins

Inhalt:

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ist John Irvings sechster Roman und wurde 1999 zu einem Film adaptiert. John Irving schrieb auch das Drehbuch und erhielt dafür sogar einen Oscar. In der Geschichte geht es um um Homer Wells, einen jungen Mann, der in einem Waisenhaus aufwächst. Dort arbeitet Dr. Wilbur als Geburtshelfer und Abtreibungsarzt, der Homer in das Metier der Gynäkologie einweist. Homer verlässt das Waisenhaus und beginnt, auf einer Apfelplantage zu arbeiten. Doch schon bald holt ihn seine Vergangenheit ein…

Trailer zur Verfilmung:

Persönlicher Bezug:

Vergib‘ mir Vater, denn ich habe gesündigt.
Meine letzte Beichte ist 23 Jahre her.

Wie Ihr vielleicht wisst, studierte ich einst „Drehbuch“ an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Bevor ich an dieser staatlichen Institution war, besuchte ich eine private Schule, die Interspherial Drehbuchschule in Stuttgart, wofür ich meinen Eltern auf ewig dankbar sein werde.

An der Drehbuchschule lehrten Dozenten, die früher selbst an der Filmakademie studierten. Diese konnten mir „geheime“ Insider-Tipps geben, was ich bei der Aufnahmeprüfung zu erwarten hatte. Unter anderem, dass eine Prüferin zwei Lieblingsautoren hat: Stephen King und John Irving.Mit dieser Information ausgerüstet schwärmte ich also in der Aufnahmeprüfung von meinem absoluten Lieblingsroman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Ohne ihn jemals gelesen zu haben!!

Und das tat ich wohl so überzeugend, dass ich einen Studiengang ergattern konnte!

So, jetzt wisst ihr es! Ich habe mir meinen Studiengang mit einer Lüge erschlichen! Was bin ich doch für ein schrecklicher Mensch…

Flashback. 23 Jahre früher:

Ein kleiner, neunjähriger Bub namens Marius sitzt in einer katholischen Kirche und wartet völlig überfordert darauf, dass er seine Beichte ablegen kann bzw. muss. Ansonsten dürfte er nämlich nicht seine Erstkommunion empfangen. Vor ihm ist noch ein anderer Junge dran und während dieser seine Beichte ablegt, überlegt sich Marius fieberhaft, was er denn nur beichten könnte. Ihm fällt einfach keine Sünde ein. In dem Alter hat er sich schließlich noch nichts zu Schulden kommen lassen! Er wird immer nervöser und nervöser. Bis ihm schließlich etwas einfällt: Eine Lüge zwar, aber immerhin kann er dem Priester irgendetwas erzählen.

Da ist Marius auch schon an der Reihe. Schweren Schrittes betritt er den Beichtstuhl.
„Vergib‘ mir Vater, denn ich habe gesündigt“ geht es ihm nur schwer von den Lippen.
„Was hast du auf dem Herzen, mein Junge?“, fragt der Priester.
So wird ein kleiner, unschuldiger Junge von der katholischen Kirche dazu gezwungen, irgendetwas zu sagen.
Und er beschließt zu lügen:
„Ich… Ich lüge oft.“
Ganz recht. Seine Beichte ist eine Lüge.
Dass er häufig lügt! (was er bis zu diesem Zeitpunkt nicht mal getan hat)

So schließt sich der Kreis der Lügen.
Und die Moral von der Geschicht: Lügen haben lange Beine. 🙂

Aber Ihr könnt mir glauben! Mittlerweile habe ich den Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ natürlich gelesen, sonst würde diese Rezension ja auch keinen Sinn ergeben. 😉

Rezension:

John Irving ist ein absoluter Meister des Erzählens. Er fesselt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite und gibt ihm das Gefühl, selbst Teil der Handlung zu sein. Seine Figuren sind sympathisch und zu jeder Zeit nachvollziehbar. Sie werden so lebendig beschrieben, dass sofort Bilder vor dem geistigen Auge entstehen.

Zudem werden fast alle Themen des Menschseins behandelt. Von „Abtreibung“ und „Tod“ über „Liebe“ und „Freundschaft“ bis hin zu „Kindheit“ und „Erziehung“ ist alles vertreten. Etwas herausstellen möchte ich das Thema „Abtreibung“, welches Irving äußerst sachlich aufbereitet. Nahezu gleichberechtigt und gleichwertig erzählt er die Für- und Wider-Punkte.

Übrigens: Die Geschichte um Wally, der über Burma abgeschossen wurde, basiert auf Irvings biologischen Vater, den er nie kennengelernt hat, und der ebenfalls über Burma abgeschossen wurde und überlebte.

Erwähnen möchte ich noch, dass die Verfilmung ebenfalls hervorragend ist, aber eine beträchliche Menge vom Roman auslässt. So verzichtet Irving, der ja auch das Drehbuch geschrieben hat, hier bewusst auf die Figuren Melony und Angel. Diese Entscheidung halte ich für richtig, denn lieber lässt man gewisse Subplots und Figuren weg als sie einzubauen und ihnen nicht gerecht zu werden.

Fazit:

848 Seiten und man sehnt nicht ein einziges Mal das Ende herbei!
Das muss man erstmal schaffen!
Chapeau, John Irving für diesen großartigen Roman!

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